Reale Objekte

 

Man stelle sich ein sehr großes Objekt vor, das auf einen Bruchteil seines Volumens schrumpft. Es verdichtet sich zu seinem Zentrum hin. Seine Farbe wird immer intensiver. Wie bei einer Implosion saugt es den Raum in sich hinein. Was übrig bleibt, ist die Verdichtung und Konzentration eines ursprünglich ausgedehnten Gebildes, jetzt ein Energiebündel, das man nicht zu berühren wagt.

 

Meine Arbeiten sind visuelle Ereignisse im Raum.
Wie eine Wölbung oder Vertiefung der Wand sind sie Teil der Wand und Eigenschaft des Raums. Umgekehrt wird die Wand und der umgebende Raum Teil des Objekts.

 

Grundlage meiner Konstruktionen sind einfache geometrische Elemente und Symmetrien, wie man sie auch in Kristallen, Mikroorganismen und Pflanzen findet.
Die Gestalt der Objekte entspricht archetypischen Grundmustern wie Boot, Speer, Höhle, Auge, Horizont usw.
Farb- und Stoffbeschichtungen sind über die Baustoffe Holz oder Kunststoff gelegt.

 

Über ihre kühle, technische Präzision hinaus wirken die Objekte sinnlich und organisch. Die Ähnlichkeit zu lebenden Organismen und tief verwurzelten Bildern ermöglicht eine unmittelbare, affektive Beziehung zum Betrachter – eine archetypische Resonanz.

 

Die Farbigkeit ist entweder hell leuchtend oder von lichtschluckender Dunkelheit. Oft werfen rückseitig reflektierende Farbflächen einen fluoreszierenden Schein auf die Wand.

 

Wichtig ist mir der emotionale Ausdruck der Farbe und ihre raumschaffende Wirkung.

Die Form des Objekts allein bietet nur wenige Anhaltspunkte zu seiner räumlichen Wahrnehmung: Es gibt keine Überschneidungen, keine schrägen Linien. Erst die Bemalung, die Farbe, bestimmt die räumliche Erscheinung. Manche Tiefen werden verstärkt, andere abgeflacht, Ebenen konkav oder konvex gewölbt.
Projiziert man z.B. das Bild einer Kugeloberfläche in die Wölbung einer Schale , so heben sich konvex und konkav auf, und der Eindruck ist merkwürdig flach und schwebend.
Die Farbe verliert dadurch ihren materiellen Charakter, beginnt vor den Flächen zu flimmern. Man hat eher ein Phantom vor sich als einen konkreten, greifbaren Körper. Es scheint vor der Wand zu schweben, zu schrumpfen und zu wachsen.

 

Dieser irritierende Eindruck steht im Gegensatz zum tatsächlichen Raum, in dem das Objekt installiert ist. Der Raum ist unverrückbar und vertraut, alles ist dort, wo es hingehört. Einzig an der Stelle der Wand, an der das Objekt zu schweben scheint, ist die gewohnte Räumlichkeit aufgebrochen. Es ist, als wäre dort ein Leck in die dreidimensionale Wirklichkeit geschlagen. Die Energie des tatsächlichen Raums fließt an dieser Stelle in den scheinbaren Raum des Objekts hinüber.

 

Die Objekte sind Utopien einer anderen Dimension. Utopien, wie sie im Archetypus der einfachen Formen liegen. Utopien, die aus der Sehnsucht entstehen.

 

Gerhard Mantz, Berlin